Rage, Courage, Courbet
Wie ein Zensurbalken legt sich “Gustave Courbet” als Überschrift der Ausstellung über die entblößte Vulva, die als Plakat für das Leopold Museum ganz Wien ziert - das Braun hinter den Buchstaben farblich auf die Schambehaarung abgestimmt.
In der Kronen Zeitung wird Hans-Peter Wipplinger von Franziska Trost zu dem Bild “Der Ursprung der Welt” zitiert (⤇ hier). Man müsse es ja nicht ansehen, wenn man nicht will, was er verstehen könne. Courbet habe ja noch ganz viele andere Dinge gemalt. Es stellt sich die Frage, warum die dann nicht als Plakat ausgewählt wurden. Die Antwort liegt nahe: Sex sells. Den halbherzigen Versuch, das Gemälde auf Flyern und Plakaten gezielt zuzuschneiden oder mit Buchstaben zu verdecken, um irgendeine Art von würdevollerer Darstellung zu bewerkstelligen, hätte man sich irgendwie auch sparen können. Minutiös versuchen sie es aber doch, wohlgemerkt auch noch auf unterschiedliche Art und Weise. Auf der Website liegt die Schrift über der Vulva, auf der Einladungskarte und auf dem Plakat ist das Bild an der Seite abgeschnitten. Die Brust sieht man auf allen Versionen. Macht dieser Versuch das ganze besser? Es ist natürlich, und man möge mir das plumpe Wortspiel verzeihen, Ansichtssache. Ich selber finde es wirkt ein wenig scheinheilig, aber die Bestrebung ist hervorzuheben.
Ende 2005 bis Anfang 2006 schmückte eine angezogenere also weniger ungezogenere Version des Bildes von Tanja Ostojić Wiener Litfaßsäulen, bei so mancher Person mag das Plakat also Nostalgie auslösen. Allerdings ist der Unterschied ums Ganze, dass die Vulva eben nicht zu sehen war. Weiter spricht Wipplinger im oben genannten Artikel über die schonungslose, realistische Darstellung eines Menschen. Schonungslos, ja, aber es ist eben kein Mensch abgebildet, es ist ein völlig vom Menschen dahinter oder vielmehr oben und unten losgelöst. Zurecht merkt Nina Schedlmayer in ihrem Blog (⤇ hier) an, wie die Verdinglichung, Zerstückelung des weiblichen Körpers und Reduzierung auf ein Geschlechtsteil in die heutige Zeit passt. Eine Zeit, in der Männer sich gegenseitig für die “Male Loneliness Epidemic” bemitleiden dürfen, während ein verurteilter Sexualstraftäter Präsident der Vereinigten Staaten ist. Herr Wipplinger, es ging nie um die angebliche Schonungslosigkeit des Gemäldes, es geht um die Schonungslosigkeit der Aufmerksamkeitsökonomie. Es ist zwar beinahe unmöglich, die Menschen von ihren Handybildschirmen loszureißen und ins Leopoldmuseum zu locken, aber mit entblößten Geschlechtsteilen kommt man schonmal weiter als ohne.
Im Internet gibt es ein Phänomen, das genau so funktioniert, wie ich die Taktik des Leopoldmuseums einschätze: Ragebait. Menschen posten etwas wissentlich Falsches oder ignorantes, damit sich die Leute richtig schön darüber echauffieren können. Je unerhörter, desto besser. Je unerhörter, desto mehr Aufmerksamkeit wird dem Post in den Kommentaren und damit im Algorithmus geschenkt. Im Internet fallen weibliche Geschlechtsteile nicht mehr groß auf, aber auf Plakaten in der realen Welt kann man damit schon noch auf ein paar empörte Blicke hoffen, oder auf ein paar empörte Feministinnen. Jeder Beitrag ist weitere kostenlose PR für das Museum. Ein so großes Haus wird für solche Stunts mal kurz in Blogs gescholten, aber natürlich nicht langfristig boykottiert. Eigentlich kann das Leopold Museum also nur gewinnen. Es ist ein Gewinn auf Kosten des Feminismus, aber ein Gewinn. Latent geschmacklos, aber was soll ich sagen? Es hat funktioniert. Bitteschön, liebes Leopoldmuseum, ein weiterer kostenloser PR-Text.
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