Gustave Courbet - Realist und Rebell: Und das war alles
Und dann brach die Revolution herein, die französische, das bedeutendste Einzelereignis der Weltgeschichte. Vorbei war es, wie der Comte de Talleyrand es später, als das ganze Durcheinander angerichtet war, auf den Punkt brachte, vorbei war es mit der „Süße des Lebens“. Dafür war man nun revolutionär. Auch Courbet war es Zeit seiner 58 Jahre währenden Existenz. Dass revolutionär sei, was er angestellt hat, künstlerisch, habituell, sogar ein wenig politisch, betonen sie die gesamte Ausstellung über im Leopoldmuseum.
Damals, im Ancien Régime, war den Mächtigen sehr vieles gleichgültig gewesen. Jetzt, nach der „Douceur de vivre“, war sehr vieles gleich gültig. Courbet, „Realist und Rebell“, wie die Präsentation ihn nennt, ist in der Tat mit den Dingen, die er sich vornimmt, auf Augenhöhe. Das zeigt sich wunderbar im ersten Raum, für den sie aus dem Musée Fabre in Montpellier „Bonjour, Monsieur Courbet“ bekommen haben: Die Malutensilien im Tornister, die Zugewandtheit zum Dasein im Herzen und das Irdene an den Füßen ist hier ein angehender Ismus zu sehen, der erste seriöse der Moderne, und er begegnet hier einem, der ihn finanziert. Alfred Bruyas, dank dessen Nachlass so vieles von Courbet in Montpellier gelandet ist, hat extra die Kutsche verlassen, mit seinem Diener kommt er seinem Künstler zu Fuß entgegen, im Plein Air, das nun manifesthaft Schauplatz wird. Dass zum ganzen Frischluftkult unabdingbar auch Tubenfarben gehören, die es seit 1842 gab, hätte man in der Schau schon auch erwähnen können. Aber natürlich ist Kunst vor allem Wollen, gerade in Wien.
Erstaunlich, wie viel aus der französischen Provinz ans Leopold gegeben worden ist. Ausstellungen von derlei kunstgeschichtlicher Ambition leben ja von den Exponaten, und das haben Direktor Hans-Peter Wipplinger und sein Schweizer Co-Kurator Niklaus Manuel Güdel schön in eine Programmatik umgemünzt. Courbet ist Porträtist, ist Landschafter, ist schier das, was man im 19. Jahrhundert „Fächler“ nannte, Spezialist für Sujets. Dass bisweilen sein Ehrgeiz krass mit ihm durchging, besonders im Frühwerk, wo er kaum an sich halten konnte vor lauter Schwelgen in Verkanntheit, bleibt angenehm unterbelichtet.
Und dann haben sie auch noch die Kumpanei der „Origine du monde“ in der Schau. 1866 ist sie entstanden, ein paar Jahre, nachdem Richard Wagner für Paris in seinen „Tannhäuser“ eine Ballettmusik hineinschreiben musste, damit die geilen Schnösel ihren Favoritinnen beim Herumhüpfen zusehen konnten. Das ist der Kontext für Courbets Close Up auf den Unterleib. Das hätte er ruhig bleiben können.
Courbets Vermächtnis ist ohnedies ein ganz anderes. Keiner vor ihm hat, im Lauf eines Oeuvres, das eben dadurch eines wird, sich so beflissen daran abgearbeitet, dass die Dinge sind, was sie sind: nichts Besonderes womöglich und gerade darin bildnerisch bemerkenswert. Gustave Flaubert, zwei Jahre älter, hat das für die Literatur geleistet. Am Ende des vorletzten Kapitels seiner „Education sentimentale“ schreibt Flaubert: „Auf dem Trottoir winkte Madame Arnoux einen vorüberfahrenden Fiaker herbei. Sie stieg ein. Der Wagen entschwand. Und das war alles.“ Et ce fut tout.
Mehr Texte von Rainer Metzger 19.02. - 21.06.2026
Leopold Museum
1070 Wien, Museumsquartier
Tel: +43 1 525 70-0, Fax: +43 1 525 70-1500
Email: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org
http://www.leopoldmuseum.org
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h
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